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Stellungnahmen der Künstler

Ein Porträt ist keine Repräsentation

Stellungnahmen von Elmgreen & Dragset auf den  Artikel "Mal wieder die Frauen vergessen!" erschienen in  der Zeitschrift EMMA

Wenn die Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum an Komplexität verliert und auf einmal in Sensationsphrasen abgehandelt wird und in eine Politik des puren Pragmatismus umgewandelt wird, wird dies für den Schöpfer dieser Arbeit zu einer Herausforderung im negativen Sinne.

Wir respektieren den andauernden Kampf für mehr Rechteausgleich zwischen den Geschlechtern sehr und fühlen uns diesem zutiefst verbunden. Dies ist ein Thema, daß immer noch relevant ist, sowohl auf dem Arbeitsmarkt, als auch im kulturellen Umfeld. Obwohl wir immer wieder für mehr Präsenz weiblicher Künstlerinnen im allgemeinen und lesbischer Künstlerinnen im besonderen in den Sammlungen der Museen weltweit einstehen, müssen wir nun überrascht und erschrocken feststellen, daß wir in jüngster Zeit den populistischen Attacken durch die EMMA ausgesetzt sind. Die brutalen Attacken im Stil der Klatschpresse beziehen sich auf unsere Entscheidung, zwei männliche Personen beim Küssen als einen Teil des Denkmals darzustellen.

Nachdem unser Entwurf im letzten Januar von der Jury ausgewählt wurde, haben wir an zwei Abenden zu offenen Diskussionsveranstaltungen eingeladen. Nicht, weil wir das  mussten, sondern einfach, weil uns natürlich daran lag, verschiedene Meinungen über diese Arbeit zu hören. Sie soll ja schließlich im Tiergarten als Symbol für die homosexuellen Opfer des Nazi Regimes stehen. Bei solchen Gelegenheiten wurde klar, daß in Hinblick auf die Arbeit ein Bedürfnis nach zusätzlicher Information bestand. Wir beschlossen, zusammen mit Vertretern des LSVD und der Initiativgruppe für das Denkmal eine Texttafel zu gestalten, die Besucher über die grundlegenden historischen Fakten hinter einem solchen Monument informieren. Natürlich würde die Tafel sowohl Lesben und Transsexuelle, als auch schwule Männer mit einbeziehen.

Ein solches Schild ist eine gute Idee, weil ein visuelles Kunstwerk in seiner reinen Symbolik niemals die ganze Geschichte wiedergeben kann. Der EMMA-Artikel gegen unser Kunstwerk hat in seinem Aufruf die Künstler zu zwingen ihre künstlerischen Inhalte zu verändern, diese Tatsache sauber ausgeblendet. Anstatt das leiseste Interesse an den Diskussionsrunden zu zeigen, haben sie sich im Umgang mit diesem Thema auf Konfrontationskurs und Sensationssuche begeben.

Ihre Art in einen Dialog einzutreten war es, Unterschriften für eine Petition gegen das Mahnmal zu sammeln und eine Reihe von Prominenten zu bitten, Meinungen zu äußern, die auf beschränkten und eindimensionalen Informationen über unsere Arbeit beruhen. Die EMMA- Redakteurinnen  hätten uns jederzeit hierzu anrufen und befragen können. Es wäre wünschenswert gewesen, vielleicht ein bißchen mehr drüber in Erfahrung zu bringen, wie das fertige Werk denn nun aussehen soll, bevor man kontraproduktive Schritte einleitet. Es war anscheinend aufregender für die Redakteure zu versuchen, eine öffentliche Meinung gegen die Ästhetik der Arbeit zu mobilisieren.

Prominente Leute eine Petition unterschreiben zu lassen, muß ihnen als die Gelegenheit erschienen sein, die Künstler kurzerhand zum Verändern der Arbeit zu zwingen.

Der künstlerische Entschluss, zwei Männer in der Videoprojektion im Inneren der vergrößerten “Eisenmann-Stele“ zu zeigen, basiert auf verschiedenen Erwägungen, von denen keine irgend etwas mit "Ausgrenzung" (von der im EMMA-Artikel die Rede war) zu tun hat.

Warum, um Himmels willen, sollten wir ein Interesse daran haben, Frauen auszuschließen?

Oder Transsexuelle? Und wer hat denn ein Recht auf "das Weibliche" und "das Männliche"?

Wenn man der EMMA Polemik folgt, könnte man zu dem Schluss kommen, dass hier eine Rückkehr zu traditionellen und streng getrennten Darstellungen von Männern und Frauen vorgezogen werden soll.

Uns ging es in erster Linie darum, ein Bild von Intimität und Zärtlichkeit zu schaffen, und nicht einfach nur um repräsentative Bilder. Es kann immer nur ein Besucher zur Zeit durch die kleine Öffnung des Quaders schauen, um die Videoprojektion zu sehen. Sie oder Er, wird dann dem Bild zweier Personen in einem "Ewigen Kuss" gegenübergestellt: Einer 3-Minuten Kuß-Szene, die so in einer Endlosschlaufe montiert ist, daß sie endlos wirkt.

Es war uns wichtig diese intime Situation zu kreieren, weil der Schmerz und die Erniedrigung eines jeden Opfers eine persönliche, traumatische Erfahrung ist, die jenseits der Frage der Repräsentation  und auch jenseits jeder Statistik liegt. Und auch weil Homophobie nicht nur ein Thema unserer Gesellschaft ist, sondern auch mit persönlicher Verantwortung zu tun hat. Dieser so wichtige Punkt unserer künstlerischen Aussage würde komplett verloren gehen, wenn wir von einer Szene zur nächsten schneiden würden.

Auf wechselnde Szenen zurückzugreifen, würde das Konzept völlig verändern: Wir müßten anfangen, uns Gedanken über verschiedene lesbische und schwule Trends, Stile und Präferenzen zu machen, um niemandem zu nahe zu treten. Um nicht beschuldigt zu werden irgend jemanden ausgeschlossen zu haben. Um ehrlich zu sein, glauben wir nicht an diese Art oberflächliche Einbeziehung. Alt, jung, langhaarig, kurzhaarig, "butch"‚ "camp", männlich, weiblich.

Eine solche Bilderwelt hat eher etwas mit Benetton Werbung oder Popvideos zu tun, die auf eine sehr flache Art und Weise versucht, alle vorübergehend glücklich zu machen, einfach nur damit Ruhe ist, ohne wirklich für irgendwelche Rechte oder Respekt einzutreten.

Unsere Museen sind überladen mit Portraits von Frauen, aber das hilft der Tatsache wenig, daß die meisten musealen Kunstwerke von Männern gemacht werden! Ein Bild selbst kann nie eine wahre Darstellung von etwas sein - es wäre einfach zu naiv, so etwas anzunehmen. Was man selbst als Betrachter glaubt zu sehen, mag nicht die Wahrheit sein und die individuelle Wahrnehmung hängt so sehr davon ab, wer der Betrachter ist... Es scheint, dass sich die EMMA Redakteurinnen nicht wirklich für zeitgenössische Kunst interessieren, nur wenn sie sich instrumentalisieren lässt. Hätten sie ein bißchen besser hingeguckt, wären sie vielleicht auf all die Verweise auf frühere feministische Ästhetik gestoßen. Wir würden gerne darauf hinweisen, daß die Videoprojektion nur ein Teil der Arbeit ist.

Im bildhauerischen Teil geht es vor allem um Aneignung (Eisenmanns jüdisches Mahnmal), es steht unter dem Einfluss unschätzbar wertvoller feministischer Praktiken, die durch Künstler wie Barbara Kruger and Sherrie Levine in den 80er Jahren an die Öffentlichkeit gebracht wurden.

Statt auf monumentale Wirkung, setzt die Arbeit auf die Einsamkeitserfahrung, bei der der Fokus von der Öffentlichkeit und der Masse weg auf das Persönliche (nur eine Person zur Zeit kann durch die Öffnung schauen) gerichtet wird. Auch hier stehen wir in der Schuld vieler Künstlerinnen, die ihre Gefühlswelt und persönliche Erfahrung als wertvolles politisches und künstlerisches Material zur Verfügung gestellt haben.

Ein Denkmal ist eine Form künstlerischen Ausdrucks und das Resultat persönlicher Interpretation - dies macht es zum Kunstwerk. In diesem speziellen Fall ist es das Resultat von 14 Jahren Kampf der Initiativgruppe um dessen Errichtung, und die Tatsache, dass es dort irgendwann einmal stehen wird, bezeugt die offizielle Entschuldigung der Deutschen Regierung gegenüber den Opfern der Vergangenheit. In Frankfurt hat Rosemarie Trockel ein anderes Mahnmal für die homosexuellen Opfer geschaffen, welches den enthaupteten Kopf eines Engels darstellt. Ein Gesicht mit femininen Zügen, obwohl man sich einen Engel eigentlich geschlechtslos vorstellt.

In der großartigen Arbeit der Künstlerin kann man außer dem Willen Homophobie zu bekämpfen, und eine öffentliche Entschuldigung für die Vergangenheit auszudrücken, sonst überhaupt keinen repräsentativen Bezug finden.

Ein weiterer Grund für unseren Entschluss, das Bild zweier sich küssender Jungs zu nehmen war, dass  wir Machismus und Homophobie als eng verbunden betrachten. Das Selbstbild einer männlichen Sexualität, das alles fürchtet, was es potentiell bedrohen könnte. Und wir sind der Meinung, dass diese Angst einer der Hauptgründe für gewalttätiges Verhalten und Diskriminierung Lesben und Schwulen gegenüber ist. Nach unserer Auffassung provoziert das Bild zweier küssender Männer die eher eingeschränkte Wahrnehmung von männlicher Sexualität.

Wir fragen uns, was für eine Präsentation männlicher Darstellung die  EMMA- Redakteurinnen von uns erwarten. Was wäre, wenn wir zwei feminine Jungs, die man leicht für Mädchen halten könnte zeigen würden? Was wäre, wenn wir zwei betont maskuline Mädchen zeigten? Würde uns das erlaubt sein, wenn man sie für zwei Jungs halten könnte? Die Rede ist hier von einem Bild – einem Bild, das dadurch, daß es irgendwann auf die Wand projiziert wird, zur Fiktion wird!

Ein Bild, bei dem es am subtilsten vielleicht wäre, wenn man bei den beiden  Charakteren kaum Geschlechterunterschiede ausmachen könnte. Sexualität  und Identität  wird nicht notwendigerweise von althergebrachten Merkmalen kontrolliert, die für weiblich oder männlich gelten!

Nach unserem künstlerischen Selbstverständnis sind wir immer an Mitwirkung und Dialog interessiert - es ist für uns daher eine seltsame Situation von der EMMA Debatte ausgeschlossen zu sein, obwohl es uns so sehr betrifft. Wir glauben und hoffen, daß die Kommunikation in Zukunft auf reflektiertere und differenziertere  Weise stattfinden wird.

Schließlich kämpfen wir alle um eine diversere und offenere Gesellschaft.

Michael Elmgreen & Ingar Dragset

 

 
 

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