Karoline Bohrer, Birgit Modigell, Nicola Buchen-Adam & Bruni Adam
„Eltern werden, ist nicht schwer …“ (AG 3)
- Schwul-lesbische Wege der Familienplanung -
Wir vier Frauen von ILSE Nordbayern hatten angeboten, die AG zu leiten, da wir
sowohl privat als auch beruflich mit der Thematik befasst waren und immer noch
sind. So konnten wir bezüglich Insemination und Pflegschaft einiges an eigener
Erfahrung einbringen.
Nachdem sich von ursprünglich 14 angemeldeten Teilnehmer(inne)n fast 30
einfanden, wurde sowohl der Raum zu eng als auch der geplante Einstieg
erschwert. Dennoch kann auf einen lebhaften und interessanten Workshop
zurückgeblickt werden, der durch die Expertise derjenigen bereichert wurde, die
sich bereits intensiv mit Familienrealisation auseinandergesetzt hatten und
wichtige Infos beitragen konnten.
Zum Einstieg wurden kurz die verschiedenen Wege aufgezeigt, wie Lesben und
Schwule ihren Kinderwunsch verwirklichen können. Unter einer Vielzahl von
Möglichkeiten wurden folgende drei Wege "zum Kind " thematisiert: Insemination,
Pflegschaft und Adoption
Hierzu positionierten sich die Gruppenteilnehmer/innen. Es wurden die drei
Eckpunkte "Insemination", "Pflegschaft" und "Adoption" in den Raum platziert und
jede/r konnte sich entsprechend des gegenwärtigen Standes im Hinblick auf
Familienplanung direkt an dem Eckpunkt oder in dem Zwischenraum einfinden.
Aus dieser Ausgangssituation heraus bildeten sich verschiedene Kleingruppen,
eine zu Adoption/Pflegschaft und drei weitere zu Insemination.
Der erste Teil der AG konnte dazu genutzt werden, einen persönlichen Austausch
anzuregen, konkrete Fragen und Probleme anzusprechen und zu sammeln.
Der zweite Teil im Plenum war dazu gedacht, konkrete Informationen zu liefern
und einen Raum für Diskussion zu schaffen.
Es zeigte sich, dass genau dies dem Interesse der Teilnehmenden entsprach: Zeit
für persönlichen Austausch und das Bedürfnis nach Information und Diskussion. Heterologe Insemination
Die Mehrzahl der teilnehmenden Lesben plante den Weg zum Kind über Insemination.
Die Verwirklichung des Kinderwunsches ist hier mit stärkeren Hindernissen
verbunden als bei heterosexuellen Paaren. Verheiratete Paare haben in
Deutschland einen Rechtsanspruch auf Zugang zur Samenbank, für die Lesben steht
dieser Anspruch noch aus. Es gibt jedoch inzwischen Kliniken, die bei
verpartnerten Paaren heterologe Inseminationen durchführen. Sie erwarten, dass
die soziale Mutter vertraglich absichert, dass sie den Unterhalt für das Kind
übernimmt. Die Verträge können wirksam sein, da sie Unterhalt für das Kind
absichern. Es muss vom Gericht überprüft werden, ob im Trennungsfall Ansprüche
geltend gemacht werden können. Eine aktuelle Liste der Kliniken und kooperierenden Gynäkolog(inn)en ist über
die Hotline des LSVD zu erfragen.
Eine lebhafte Diskussion entspann sich über die Situation des Samenspenders.
Einige Teilnehmerinnen wollten bekannte Männer als Samenspender einsetzen. Hier
wurde das Spannungsfeld diskutiert, in dem sich das neue Elternpaar (die beiden
Frauen) befindet: zwischen dem antizipierten Wunsch des Kindes, seinen Vater
kennen zu lernen und dem Hoffen auf Nichteinmischung des Samenspenders/Vaters in
die Erziehung. Die rechtliche Situation des Samenspenders ist ebenfalls
problematisch. Ein Vertrag, der das Recht des Kindes auf Unterhalt ausschließt,
ist nicht haltbar. Die Einführung der Stiefkindadoption wird viel zur Klärung
der Unterhaltsfrage beitragen.
Die Diskussion der Frage nach yes oder no Spendern (Yes-Spender hatten sich bei
Spermaspende bereit erklärt, später auf Anfrage des Kindes ihre Identität
bekannt zu geben, No-Spender bleiben gänzlich anonym) wurde ebenfalls lebhaft
geführt. Hier zeigte sich, wie umfangreich die Überlegungen der zukünftigen
Eltern über die Bedeutung des Vaters im Leben des Kindes waren. Das Spektrum
reichte von der erwarteten Befürchtung, das Kind werde später einmal verzweifelt
den Vater suchen bis hin zu der Auffassung, dass ein offener Umgang mit dem Kind
über seine Entstehungsgeschichte und die bewusste Einbettung des Kindes in diese
neue Familie bzw. Familienform und die schwullesbische Community dem Kind eine
Identität geben kann, die es stärkt und selbstbewusst macht und die Frage nach
der biologischen Herkunft weniger Relevanz hat.
Einvernehmen bestand darüber, dass nur der Weg der Familienrealisation
beschritten werden sollte, der sich im Inneren richtig anfühlt und der dann auch
in konflikthaften Situationen und im alltäglichen Kontakt mit der Außenwelt
sowie dem Kind gegenüber vertreten werden kann.
Pflegekinder
Pflegekinder sind, wie das Wort sagt, Kinder, die in Pflege genommen werden, da
die leiblichen Eltern diese gegenwärtig nicht leisten können. Es handelt sich
also um Kinder, die sich bereits in problematischen Lebenssituationen befunden
haben. Das "Kindeswohl" war gefährdet. Als potenzielle Pflegeeltern begibt man
sich in eine Vertragspartnerschaft mit dem Jugendamt.
Bei der Vermittlung eines Kindes in eine Pflegefamilie kann keine konkrete
Aussage darüber gemacht werden, wie lange es in der Pflegefamilie bleiben wird.
Eine Rückführung in die Herkunftsfamilie kann nie ausgeschlossen werden.
Der Verfahrensweg führt über eine aufwendige Begutachtung der potenziellen
Pflegefamilie mit Auskunftsbogen, Informationen über Wohnraum, Beruf,
Vermögensstand, Erziehungshaltungen etc.
Ob Schwule oder Lesben von einem örtlichen Jugendamt als Vertragspartner
akzeptiert werden, hängt stark von der politischen Haltung der jeweiligen
Kommune sowie von der persönlichen Haltung der Sachbearbeiter des Jugendamtes
ab.
Im Teilnehmerkreis waren Eltern, die bereits Pflegekinder hatten und über ihre
Erfahrungen mit den Jugendhilfebehörden berichteten. Sie berichteten u. a., dass
häufig die Unsicherheit bezüglich des dauerhaften Verbleibs des Kindes in der
Pflegefamilie und die damit verbundene emotionale Belastung Interessierte davon
abhielten, das Leben mit Pflegekindern als einen möglichen Weg der
Familienrealisation zu sehen. In Bad Kissingen fanden sich anschauliche
Beispiele gelungener und gelingender Pflegefamilien. Adoption
Der "Weg zum Kind" über Adoption ist beschwerlich, lang und umfasst wie der der
Pflegeelternschaft ebenfalls einen großen Umfang an Verwaltungsaufwand und
Behördenkontakten. In Deutschland können Lesben oder Schwule nicht als Paar ein
Kind adoptieren, sondern nur als Einzelperson. Bei der hohen Anzahl der
heterosexuellen Ehepaare als Adoptionsbewerber und der geringen Anzahl der zur
Adoption freigegebenen Kinder wird die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg sehr
gering. Es gibt aber immer auch Erfolgsmeldungen. Es wird empfohlen, einen
offenen Umgang mit der eigenen Homosexualität zu zeigen und dies im
Bewerbungsverfahren deutlich einzubringen.
Einzelpersonen oder homosexuelle Paare haben dann gute Möglichkeiten, wenn die
sorgeberechtigte Person eine Person oder ein Paar benennt, die das Kind
adoptieren sollen. Das Jugendamt prüft zwar dennoch die Erziehungsfähigkeit der
Adoptionsbewerber, muss aber den Wunsch der Sorgeberechtigten sehr ernst nehmen.
Auslandsadoptionen wurden in den letzten Jahren häufig von Schwulen und Lesben
als Alternative gewählt. Hier führt der Weg über eine anerkannte
Adoptionsvermittlungsstelle. Das örtliche Jugendamt verfasst im weiteren
Verfahrensverlauf ein Sozialbericht (home study) und "studiert" dabei
Motivation, Vermögenssituation, Wohnumfeld etc. der Adoptionsbewerber/innen.
Nach Aussage der AG Teilnehmer/innen hat sich die Situation für schwullesbische
Bewerber sehr verschlechtert. Inzwischen entziehen sich immer mehr Länder der
Vermittlung an Schwule und Lesben. Lediglich Südafrika sei gegenwärtig ein Land,
das aufgrund seiner Verfassung explizit Schwule und Lesben nicht diskriminiere.
Die Situation ändert sich aber schnell, sodass jeweils aktuelle Informationen
eingeholt werden müssen. Fazit:
Zu Beginn des Workshops hatten wir spaßeshalber gedichtet: "Eltern werden ist
schon schwer, Eltern sein, nicht mehr so sehr...." Aber Bad Kissingen hat
gezeigt, wie wir Realitäten geschaffen haben. 40 Kinder. Auf unterschiedlichsten
Wegen ins Leben und zu uns gekommen! Es braucht Mut, Ausdauer, Beharrlichkeit
und Vorfreude. Und dann ist Eltern werden, nicht mehr schwer....
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