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Karoline Jacobs-Howe

Ganz alltäglich anders (AG 4)

- Austauschforum zum Familienalltag -

Der oben genannte Titel impliziert eine doppelte Botschaft: Regenbogenfamilien gestalten ein Familienleben, das ‘ganz alltäglich’ ist und das eben doch ‘anders’ ist, sich unterscheidet von anderen Familienformen. Ein Spannungsfeld, in dem sich diese Familien bewegen. Wie eine Teilnehmerin treffend meinte: ‘unter den besonderen Umständen ein ganz normales Leben führen’. Weiterhin vermittelt der Titel eine Entlastung: nicht stets besser sein zu müssen und auch ganz alltägliche Probleme haben zu dürfen.

Im Workshop mit 14 Teilnehmer(inne)n war der Fokus gerichtet auf das familiäre Innenverhältnis und auf den sozialen Kontext. Es sollte ein Austauschforum hergestellt werden, dazu wurde an mehreren Leitfragen mit verschiedenen Methoden gearbeitet.

1. Welche Familienformen gibt es?

Zum Einstieg bildeten wir in der Arbeitsgruppe ein Soziogramm, die Teilnehmer/innen benannten ihre Familienkonstellationen und stellten sich jeweils in entsprechender Gruppierung zusammen. Es waren z.B. vertreten:

  • biologische Mutter, die gleichzeitig auch soziale Mutter in der Familie ist;
     
  • soziale Mutter, deren Lebenspartnerin sich räumlich getrennt hat, die beide weiterhin verantwortlich Elternschaft organisieren und leben;
     
  • biologische Mutter, deren Kinder aus früherer Ehe stammen und die mit den Kindern und der hinzugekommenen Lebenspartnerin zusammenlebt;
     
  • soziale Mutter, die mit biologischer Mutter und den gemeinsamen Kindern zusammenlebt;
     
  • biologische Mutter und Großmutter, die zur Zeit ohne Partnerin Mittelpunkt der Familie ist;
     
  • biologische Mutter, die mit sozialer Mutter und Kind zusammenlebt;
     
  • biologischer Vater, der außerhalb der Mutter-Mutter-Kind-Familie Vaterschaft pflegt und in schwuler Partnerschaft lebt;
     
  • soziale Mutter, die mit biologischer Mutter und mit kleinen Zwillingen zusammenlebt und sehr stark in die Kinderversorgung einbezogen ist;
     
  • ein schwuler Mann mit dem Wunsch, zumindest soziale Vaterschaft leben zu können.

Kommentar:

Es gibt nicht ‘die’ Regenbogenfamilie. Es gibt eine Vielfalt von unterschiedlichen Konstellationen und Zusammensetzungen mit vielen Formen und Regeln des Zusammenlebens bzw. Zusammenwirkens. Regenbogenfamilien sind Patchworkfamilien, bestehend aus biologischen und sozialen Elternteilen innerhalb und auch außerhalb des Familienverbandes. Sie können auf keine Tradition zurückblicken und haben Neuland betreten. Die Gestaltung von neuen Familienmodellen setzt kreative und emanzipatorische Energien frei, führt jedoch auch zu spezifischen Belastungen. Die Gemeinsamkeit aller Regenbogenfamilien besteht in der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft der Eltern, in den skeptisch-kritischen Reaktionen der sozialen Umwelt und in den spezifischen gesetzlichen Rahmenbedingungen.

2. Welchen Platz habe ich eingenommen?

In Einzelarbeit malten die Teilnehmer/innen kurz ein Symbol oder kleines Bild, um damit ihre persönlichen Antworten zum Ausdruck zu bringen auf die Fragen: Wo stehe ich im Familiensystem? Welchen Standpunkt habe ich? Wie zufrieden bin ich mit diesem Platz? Die Teilnehmer/innen äußerten z.B.: Schwer an Verantwortung tragen, Zufriedenheit geschaffen, großes Fragezeichen bezüglich Definition von Familie, großer Spagat leben, keine Probleme.

Kommentar:

Die Positionen sind in der Familie unterschiedlich verteilt, je nach Familienzugehörigkeit und rechtlicher Anerkennung. Häufig werden Erziehungsarbeit, Elternverantwortung und Sicherung des Lebensunterhaltes übernommen, ohne dass verwandtschaftliche Beziehungen und Absicherungen bestehen. In ihrer Selbstwahrnehmung erleben sich diese Familienmitglieder (z.B. die soziale Mutter ohne eingetragene Lebenspartnerschaft, der bekannte Spender ohne Vaterschaftsanerkennung) eingebundener als von außen wahrgenommen wird. Diese Diskrepanz kann Konflikte auslösen verbunden mit Unsicherheiten in der Elternidentität. In der Regel müssen diese Plätze, für die es keine Vorbilder gibt, erst ‘erarbeitet’ und mit den wachsenden emotionalen Bindungen stabilisiert werden.

3. Welche Rollen sind in der Familie verteilt?

Mit der Kopiervorlage eines Fahrrads bekamen die Teilnehmer/innen die Aufgabe, ihre Familienmitglieder mit den unterschiedlichsten Rollen und Aufgaben einzutragen: wer zieht die Bremse, wer tritt in die Pedale, wer lenkt, wer ist das Licht, wer trägt auf dem Gepäckträger andere mit, wer sitzt fest im Sattel etc.. Anschließend wurden in kurzem Paaraustausch die Fragen beantwortet: Wie schaffen wir es, dass es gut läuft? Wie schaffen wir es, dass es in Phasen nicht so gut läuft? Einige Nennungen zu Belastungsfaktoren waren: Stress von außen, Elternschaft überwiegt, Konfliktregelungsbedarf, keine Zeit, keine Absprachen, Rückzugstendenzen, Konfliktunfähigkeit, zu viel Rücksichtnahme, zu wenig Ruhe, zu wenig Partnerschaft. Als Überschriften für die unterstützenden Faktoren, ‘damit es gut läuft’, kann zusammengefasst werden: Kommunikation und Absprachen, Organisation und Teamgeist, Partnerschaftspflege und Gefühl füreinander.

Kommentar:

Das Fahrrad als Metapher für Familie, die ständig in Bewegung und Veränderung begriffen ist, mit unterschiedlichen Aufgaben und Rollen, wie Ressourcen und Belastungen verteilt sind, damit das System als Ganzes funktioniert. Traditionelle Rollenverteilungen aus verschieden geschlechtlichen Beziehungen sind nicht zu übertragen. In gleichgeschlechtlichen Partnerschaften hat häufig das Gleichheitsprinzip einen sehr hohen Stellenwert. Allerdings bedeutet Elternschaft Umbruch im Leben und bewirkt gravierende Veränderungen auch im Beziehungsgefüge. Besonders in der Frühphase der familiären Entwicklung, nach Geburt von Kindern, kann sich das Konfliktrisiko durch neu erlebte Unterschiede in den Rollen erhöhen. Partnerschaft reduziert sich zugunsten der Elternaufgaben und biologische Mütter erleben in der Regel eine vorher nicht gekannte Aufwertung, hingegen z.B. soziale Mütter mit mangelnder Anerkennung konfrontiert sind. Es kann ein Gefälle in der Macht- und Hierarchieverteilung entstehen und folglich Abhängigkeits-, Konkurrenz- und Ausgrenzungserfahrungen. Im Zusammenhang mit den Rollenfindungen ist ein mitunter langer Gesprächsbedarf und Aushandlungsprozess zwischen den erwachsenen Mitgliedern der Familie erforderlich, wie sich die Familie innen und außen gestalten und präsentieren will. Die Akzeptanz und gegenseitige Wertschätzung der verschiedenen Aufgaben und Rollen nach dem Motto ‘Unterschiede dürfen sein und sind auch für die kindliche Entwicklung bedeutend’ stellt eine wichtige Grundlage dar für ein erfolgreiches Familienkonzept.

4. Welche Erfahrungen gibt es im sozialen Umfeld?

Zu der These auf dem Flipchart ‘Es gibt kaum Diskriminierungen im sozialen Umfeld’ positionierten sich die Teilnehmer/innen im Raum zwischen zwei Ecken / Polen (weit weg - in der Mitte - ganz nah) je nach persönlichen Erfahrungen. Als Bild ergab sich, dass die Ecke im Raum ‘ganz viel Diskriminierung’ gar nicht besetzt war, hingegen die Hälfte der Gruppe sich räumlich in die Mitte der These und die andere Hälfte etwa im Bereich der Zustimmung stellte. Als Erfahrungen wurden z.B. geäußert: Ablehnungsängste während der Kinderwunschplanung, die sich kaum bestätigt hätten; Eintauchen in die ‘Heterowelt’ von Mutterschaft und als Lesbe weniger sichtbar gewesen zu sein; nicht ‘beklatscht’ aber als ‘normal’ behandelt worden zu sein; das Nicht-Erkennen der ‘Schlaglöcher’ (Benachteiligungen) im sozialen Netz; verdeckte Pseudo-Toleranz hinter vorgehaltener Hand, auch öffentliche abwertende Beschimpfungen. Im Anschluss an diesen Erfahrungsaustausch wurden Ideen gesammelt für Strategien im Umgang mit den direkten und subtil ablehnenden Reaktionen im Hinblick auf unsere Vorbildfunktion für die Kinder. Als erfolgreiche aber auch mühsame Strategien wurden z.B. genannt und beschrieben: kein Rückzug, permanent ‘am Ball’ und im Kontakt bleiben; Gespräche suchen; Hilfestellungen bereits im Sprachgebrauch geben; in Elternkreisen aktiv sein und sich als Regenbogenfamilie vorstellen; den Kindern Offenheit vorleben und sie im Selbstbewusstsein stärken; Unterrichtseinheiten über Regenbogenfamilien vorschlagen und durchführen.

Kommentar:

Regenbogenfamilien sind integriert in einem sozialen Umfeld von Herkunftsfamilien, Freunden, Nachbarn, Arbeitgeber, Erziehungseinrichtungen etc. Gesetzgebungen schaffen Bewusstsein, fördern Toleranz und Gleichberechtigung. Insofern hat sich das gesellschaftliche Klima seit dem Inkrafttreten des LPartG mit Auswirkungen auch auf kindschaftsrechtliche Regelungen zugunsten von pluralen Lebens- und Familienformen verbessert. In den Medien werden Regenbogenfamilien als reale Wirklichkeit vermittelt, die für viele im Alltag jedoch immer noch Seltenheitswert haben. So findet sich jede Regenbogenfamilie in der Regel nur einzig und alleine im Kindergarten und in der Schule wieder. Homophobie und Vorurteile, oberflächliche Toleranz statt authentische Akzeptanz sind häufig noch aus Unwissenheit verbreitet. Lesbische Mutterschaft und schwule Vaterschaft werden weiterhin in Verbindung gebracht mit der zentralen Frage nach dem Wohl des Kindes. Entsprechend entwickeln Regenbogenfamilien eigene hohe Ansprüche, diesen kritischen Erwartungen Stand halten und ‘bestehen’ zu können. Gleichgeschlechtliche Paare mit Kinderwunsch bekommen nicht zufällig Kinder. Vielmehr erfordert dies einen bewussten Prozess der Entscheidung, langfristige Planung und ein hohes Maß an Verantwortung. Hier sind Erziehungseinrichtungen und Beratungsstellen gefordert, sich auf diese zunehmende familiäre Wirklichkeit einzulassen und in der Wertevermittlung zu unterstützen.

5. Welche Visionen brauchen wir?

Gegen Ende des Workshops wurde ein Fragebogen mit vier Fragen verteilt, den die Teilnehmer/innen ausfüllten und abschließend vortrugen. Zu der Frage ‘Worauf kann ich stolz sein’ kamen z.B. Rückmeldungen wie: auf den Mut; Rückhalt für die Familie zu sein; sich auf das Abenteuer eingelassen und den Kinderwunsch umgesetzt zu haben; den Herzenswunsch ernst zu nehmen; dem Mut gefolgt zu sein, der manchmal fast verlassen hätte; die Kinder selbstbewusst erzogen zu haben und mit ihnen gut im Kontakt zu sein; einen Traum erfüllt zu haben. Auf die Frage ‘Welche Visionen habe ich, wie ich in 2-3 Jahren leben werde bzw. will?’ wurde z.B. geantwortet: mehr Ruhe haben; mehr den persönlichen Interessen nachgehen können; unabhängiger vom Kind sein; den persönlichen Freiraum erweitern können; intellektuelle und berufliche Weiterentwicklung; wieder mehr in lesbischen Kontexten leben; die Partnerschaft bewusster leben; ein weiteres Kind; rechtliche Gleichstellung; Anerkennung von Kirche; dass die letzten Schranken in den Köpfen fallen. Die Frage ‘Wenn ich meinen heutigen Standort auf einer Skala 0-10 (bei 10 Vision erreicht) einordne, wo stehe ich heute?’, fand sich der vorwiegende Teil der Teilnehmer/innen zwischen 5 und 10 wieder. Die letzte Frage ‘Welche Schritte will ich als nächstes gehen in diese Richtung?’ wurde von den Teilnehmer/innen beantwortet wie z.B.: Stiefkindadoption; eigene Freiräume schaffen; berufliches Weiterkommen.

Kommentar:

In den Antworten der Teilnehmer/innen spiegeln sich die starke Sehnsucht und der Kraftaufwand wider, der aufgewendet wurde, um sich trotz Befürchtungen den Kinderwunsch erfüllt zu haben. Es wurde Neuland betreten und es wurden Tabus gebrochen. Das Ergebnis ist eine relativ hohe Zufriedenheit mit weiteren Wünschen für die persönliche und partnerschaftliche Entwicklung - die Säulen der Familie - und für ein positives gesellschaftliches Klima. Die rechtliche Anerkennung und Gleichstellung ist für Regenbogenfamilien sehr bedeutungsvoll, wenngleich Unterschiede bestehen bleiben (dürfen) und die Verhältnisse von herkömmlichen Familien mit heterosexuellen Eltern sich nicht übertragen lassen. So stimmte es auch eine soziale Mutter in der Gruppe bei aller Freude und Zustimmung bezüglich der nahenden Stiefkindadoption nachdenklich, dass sie das emotional eigene Kind, da sie seit Beginn der Kinderwunschplanung beteiligt ist, doch nicht wie ein ‘fremdes’ Kind adoptieren kann und hier noch nach einem geeigneten Sprachgebrauch sucht. Regenbogenfamilien, das wurde auch in diesem Workshop deutlich, schillern in ihrer Vielfalt und mit ihren Fähigkeiten, sie haben allen Grund stolz zu sein und leisten einen großen gesellschaftlichen Beitrag.
 


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