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Antje Ferchau

Das LSVD-Familienseminar in Bad Kissingen
– Einstimmung und Einführung –

Nach Berlin, Oberursel bei Frankfurt/Main und Ebberg bei Schwerte stellt das heutige Treffen am 2. Adventswochenende im Heiligenhof in Bad Kissingen das vierte Familienseminar des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD) dar.

Ein herzliches Willkommen auch im Namen des Bundesvorstandes des LSVD an alle Großen und Kleinen aus nah und fern, die unserer Einladung an diesen Ort gefolgt sind.

Auch in diesem Jahr erfreute sich das Seminar einer enorm großen Nachfrage. Sie war so rege, dass wir im Verlauf der Planung durch verschiedene Anpassungen verstärkt versucht haben, möglichst vielen Interessentinnen und Interessenten die Teilnahme zu ermöglichen. Dies ist uns gut gelungen und so kann ich heute ca. 100 lesbische Mütter und schwule Väter, Lesben und Schwule in der Familienplanung und Fachvertreter/innen aus dem familiären Umfeld begrüßen. Besonders schön ist es, dass wir verstärkt werden durch 40 Kinder und Jugendliche, die heute gemeinsam mit ihren lesbischen (Co-)Müttern und schwulen (Co-)Vätern angereist sind.

Dennoch mussten wir leider vielen Interessent(inn)en absagen. Dies zeigt uns deutlich, dass unsere Arbeit und unsere Angebote richtig sind und gebraucht werden. Ich denke, hier wollen und werden wir auch weiterhin aktiv bleiben. Sei es im Projekt „Regenbogenfamilien“, in den Gruppen der Initiative lesbisch-schwuler Eltern – kurz ILSE genannt – oder durch die Lobbyarbeit der einzelnen Landesverbände oder die des LSVD Bundesverbandes.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die finanzielle Unterstützung des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend. Ohne diese Unterstützung wäre ein solches Familienseminar in dieser Größenordnung für den LSVD nicht durchführbar, insbesondere nicht zu diesen Rahmenbedingungen.

Bad Kissingen 2004 – wieder ein dicht gefülltes Programm, und wir hoffen, dass für Jede und Jeden etwas dabei ist. Neben den einzelnen Programmpunkten haben wir versucht, Raum zu lassen für den persönlichen Austausch über die ganz individuellen Erfahrungen und die eigene Handhabung der alltäglichen Herausforderungen in und mit einer Regenbogenfamilie.

„Regenbogenfamilien“ – ein Begriff, der das Zusammenleben von lesbischen und schwulen Eltern mit ihren Kindern bezeichnet.

„Regenbogenfamilien“ – ein Begriff, der mittlerweile in der Gesellschaft angekommen ist, der bekannt ist?

Eine Frage, zu der es mit Sicherheit keine Erhebungen gibt, abgesehen davon, dass in statistischen Erhebungen „Regenbogenfamilien“ als eigenständige Familienform in der Regel gar nicht auftauchen.

Ich denke jedoch, dass wir diese Frage mit nein beantworten können.

Nach wie vor ist es für Viele ein Widerspruch von Lesben/Schwulen und Kindern in einem Atemzug zu sprechen. Dies zeigte sich mir in den vergangenen Wochen auch in den Diskussionen zur Stiefkindadoption im Rahmen der Überarbeitung des Lebenspartnerschaftsgesetzes sehr deutlich.


Um Regenbogenfamilien stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, bedarf es vieler Bausteine.

Ein sehr wichtiger Baustein sind die Medien und die Art und Weise, in der Familien dargestellt werden. Und hier geht es mir nicht um eine „bunte und schrille“ Berichterstattung, die gängige Klischees über schwules und lesbisches Leben bedient, sondern um Bilder des alltäglichen familiären Miteinanders in Regenbogenfamilien.

Unsere Familien müssen als selbstverständliche Facette in der Vielfalt von Familienformen präsent sein, die unsere Gesellschaft heute aufweist. Es ist gut, dass beim Thema Partnerschaft heute schwule und lesbische Paare mitgedacht werden, doch hiermit erschöpft sich die schwul-lesbische Note z.B. im neuen Heft GEO WISSEN zum Thema „Partnerschaft und Familie“ auch. Homosexuelle Paare und deren Eingetragene Partnerschaft werden hier beleuchtet, doch ein homosexuelles Paar mit einem oder mehreren Kindern werden wir vergebens suchen.

Bislang treffen wir im unterhaltungsorientierten Fernsehalltag in deutschen Wohnzimmern kaum auf lesbische Mütter oder schwule Väter und ihre Kinder. Umso erfreulicher ist es jedoch festzustellen, dass es bei Dokumentationen ebenso wie in Printmedien in den vergangenen Jahren zunehmend Berichte zu Regenbogenfamilien gegeben hat und dass die Presseanfragen nach Interviewpartnerinnen und -partnern stetig steigen.

Regenbogenfamilien und Medien – damit werden wir morgen früh ins Programm einsteigen und dürfen dazu Valentin Thurn mit seinen Produktionen „Papa liebt einen Mann – Kinder und ihre homosexuellen Väter“ sowie „Zwei Mamas und kein Papa – wenn lesbische Kinderwünsche wahr werden“ begrüßen. Seien Vortrag wird Valentin Thurn mit Filmausschnitten eröffnen. Für alle, die diese Filme gern in voller Länge sehen möchten, besteht am morgigen Familienabend hierzu die Möglichkeit.

Zunehmend setzen sich Menschen auch unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung bewusst mit einer möglichen Familienplanung auseinander. Ein intensiver Kinderwunsch und Lesbisch- oder Schwulsein schließen sich nicht aus. Hier findet ein Wandel statt auch in der schwul-lesbischen Community: Die Entscheidung, die eigene Homosexualität zu leben, bedeutet nicht mehr zwangsläufig ein „Leben ohne Kinder“, auch wenn die Wege zum Kind langwieriger und schwerer sind.

Lesbische Frauen entscheiden sich bewusst für ein eigenes leibliches Kind und realisieren dies durch heterologe Insemination mit einem bekannten oder anonymen Spender. Lesben und Schwule realisieren gemeinsam ihren Kinderwunsch in sogenannten „Queer-Families“ oder adoptieren – leider bislang nur als Einzelpersonen – Kinder oder geben Pflegekinder ein neues Zuhause.

Mit den verschiedenen Wegen der Familienplanung für Lesben und Schwule beschäftigt sich am morgigen Nachmittag die AG „Eltern werden ist nicht schwer…“. Hierfür stehen gleich vier kompetente Referentinnen zur Verfügung: Karoline Bohrer und Birgit Modigell sowie Bruni Adam und Nicola Buchen-Adam.

In Deutschland wachsen derzeit Hunderttausende Kinder bei ihren lesbischen (Co)Müttern und schwulen (Co)Vätern auf. Mehrheitlich stammen diese Kinder aus vorhergegangenen heterosexuellen Beziehungen. Diese Kinder erleben das Coming Out eines ihrer Elternteile mit. Dieses Coming Out geht in der Regel mit einer Trennung oder Scheidung einher. So müssen sich die Kinder mit einer Vielzahl von meist einschneidenden Veränderungen ihrer Lebensbezüge auseinandersetzen. Das Coming Out der Mutter oder des Vaters steht hier in einer Reihe mit dem Verlust der vertrauten Familienstruktur, Umzug und Schulwechsel.

Mehrheitlich sieht es nach Trennungen auch heute noch so aus, dass die lesbischen Mütter weiterhin hauptverantwortlich für ihre Kinder sorgen, während die Kinder von schwulen Männern eher weiterhin bei ihren Müttern leben. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Wenn die lesbische Mutter oder der schwule Vater sich nach einer Trennung wieder in eine Partnerschaft begibt, wird die neue Familie mit zwei Frauen oder zwei Männern auf jeden Fall andere Züge aufweisen und in der Gesellschaft anders wahrgenommen werden.

Es entstehen in Folge - wie auch bei heterosexuellen Eltern - häufig sogenannte Patchworkfamilien mit einem leiblichen und einem sozialen Elternteil, mit Geschwistern und „Stiefgeschwistern“, die in unserem Fall gleichzeitig auch Regenbogenfamilien sind. Das Zusammenfinden und Zusammenleben dieser Familie muss erst einmal dieselben Hürden überwinden, wie sie uns auch in heterosexuellen Familien mit Stiefeltern begegnen.

Kommen die Kinder mit dem sozialen oder Stiefelternteil zu recht und umgekehrt?

Wie viel Erziehungseinfluss soll und will der soziale Elternteil übernehmen und der leibliche Elternteil teilen? Wie gestalten sich die Kontakte zum außerhalb der neuen Familienkonstellation lebenden zweiten biologischen Elternteil?

Auf Regenbogenfamilien kommen darüber hinaus jedoch weitere Fragen zu, die mit der Homosexualität der Eltern verbunden sind. Fragen, denen sich die lesbischen Mütter oder schwulen Väter selbst und gemeinsam mit ihren Kindern stellen müssen.

Wie sage ich es meinen Kindern, meinen Eltern oder meinen Freund(inn)en. Müssen wir unsere Kinder über die Art unserer Beziehung aufklären? Oder ist meine Partnerin eben nur eine gute Freundin, die bei uns wohnt?

Und in einem Weiteren: Was sage ich am Arbeitsplatz, in der Gemeinde oder zur weiter entfernten „geliebten Verwandtschaft“.

Auch wenn die Kinder in homosexuellen Partnerschaften geboren bzw. aufgenommen wurden, bleibt das alltägliche Coming Out ebenfalls ein Thema.

Es stellt sich die Frage, wo der homosexuelle Familienhintergrund veröffentlicht wird. Wie offen sind wir im Kindergarten, in der Schule und im Sportverein? Müssen wir dem Kindergarten oder der Schule sagen, welche Position der Freund meines Vaters wirklich in unserer Familie einnimmt?

In erster Linie lieben Kinder ihre Eltern, bauen Vertrauen zu ihnen auf, suchen Geborgenheit, Sicherheit und Unterstützung. Ihnen ist es egal, in welcher sexuellen Verbindung ihre Eltern zueinander stehen. Auch in heterosexuellen Familien werden die Eltern nicht in einer sexuellen Verbindung wahrgenommen.

Unsere Kinder erleben die Realität in Regenbogenfamilien und lernen früh, dass das Anderssein ein wichtiger Teil einer geliebten Person ist. Sie können erkennen, dass die sexuelle Präferenz der Eltern nicht entscheidend für das Familienklima ist. Hier zählen der einfühlsame und liebevolle Umgang miteinander, die gegenseitige Achtung und Akzeptanz sowie die Fähigkeit, gemeinsam mit Konflikten umgehen zu können.

Die Beantwortung der Frage nach dem „Wo“, „Wie“, „Wie viel“ und „Wann“ der Veröffentlichung unserer sexuellen Orientierung hat einen großen Einfluss auf unsere Kinder, ihre Entwicklung und ihr Bestehen in der Gesellschaft. Dabei ist es ganz egal, ob es sich um eigene Kinder, Adoptions- oder Pflegekinder handelt.

Diese Entscheidungen müssen einerseits grundlegend getroffen werden, stellen sich aber auch immer wieder im alltäglichen Leben, z.B. bei Aldi an der Kasse oder auf dem Spielplatz.

Aus unserer eigenen familiären Erfahrung heraus vertrete ich die Auffassung, dass nur die völlige Offenheit im Umgang mit der familiären Wirklichkeit unseren Kindern das notwendige Vertrauen und die Stärke verleihen kann, die sie im Leben brauchen. Nur wenn ihnen „Homosexualität“ - ebenso wie „Heterosexualität“ - als eine gute, selbstverständliche Möglichkeit glaubhaft verdeutlicht wird, können sie gewappnet sein gegen Angriffe und Verletzungen. Nur so können sie lernen, sich und ihre Familie als selbstverständlichen Teil dieser Wirklichkeit zu erleben und darzustellen, können sie Rückhalt in der Familie finden und über ihre Erlebnisse angstfrei sprechen. Für mich haben Kinder ein Recht auf diese Wahrheit.

Mit jedem Verbergen, jedem Verheimlichen erzeugen wir eher das Bild, dass Homosexualität doch nicht so selbstverständlich, eben nicht ganz „in Ordnung“ ist. So bringen wir Kinder in einen Zwiespalt ihrer Gefühle und beteiligen uns – ob bewusst oder unbewusst – an der Aufrechterhaltung und Verbreitung von Vorurteilen.

Die Homosexualität der Eltern kann durch die Reaktionen des Umfelds Probleme für Kinder in Regenbogenfamilien aufwerfen. Darüber hinaus stellt neben einer möglichen gesellschaftlichen Diskriminierung auch die rechtliche Ungleichbehandlung eine Quelle alltäglicher Belastungen für unsere Kinder dar.

Zwei Hauptfragen treten hier in den Vordergrund: „Wie out wollen wir sein?“ – das Thema der AG 1 mit Stephanie Gerlach – und welche Herausforderungen, Themen und Erfahrungen begegnen wir in unserem Familienalltag? Was macht ihn alltäglich anders? Die AG 4 bietet dazu ein Austauschforum mit Karoline Jacobs-Howe.

Das Alter unserer Kinder hat nicht nur einen Einfluss auf ihren Umgang mit dem Coming Out ihrer lesbischen Mutter oder ihres schwulen Vaters. Je nach Alter stehen unterschiedliche Bedürfnisse im Vordergrund.

Im Jugendalter, in dem Kinder – so legen es die Forschungsergebnisse nahe – selbst vielfältige Veränderungen bei sich erleben, seien es biologische und emotionale, haben sie mit dem Coming Out ihrer Eltern am meisten Stress. In diesem Alter gewinnt darüber hinaus auch die Gruppe der Gleichaltrigen, Freunde und Schulkamerad(inn)en an Bedeutung.

Unabhängig davon, wie lange Kinder um die Homosexualität ihrer Mutter oder ihres Vaters wissen, ist ein Kontakt und Austausch mit anderen Kindern aus Regenbogenfamilien von besonderer Bedeutung. Es ist entlastend und bereichernd, wenn Kinder und Jugendliche erleben können, dass es viele Kinder gibt, die lesbische Mütter oder schwule Väter haben. Hier sind neben den Lesben- und Schwulengruppen oder -vereinen auch die Beratungsstellen für Familien, Kinder und Jugendliche gefordert.

Der LSVD bietet hier eine bundesweite Beratungsstruktur für Lesben, Schwule, deren Kinder und interessiertes Fachpersonal an. Hier können sich Eltern, Kinder sowie Großeltern aus Regenbogenfamilien und Lesben und Schwule, die gerne Eltern werden wollen, online, telefonisch oder bei einem persönlichen Beratungstermin in Belangen des Familienalltags und der Familienplanung informieren und beraten lassen.

Auf unserem diesjährigen Familienseminar können wir zum dritten Mal eine Plattform für Jugendliche anbieten. „Ene, mene, miste, es rappelt in der Kiste …“ lautet das Motto dieses spielerischen Austauschforums unter der fachlichen Anleitung von Dr. Erich Rossel und der Diplom-Sozialpädagogin Kornelia Blasberg. Es ist ein Angebot, das ganztägig parallel zu den Seminarveranstaltungen laufen wird und sich an Jugendliche ab zehn Jahren richtet und natürlich auch abhängig ist vom Entwicklungsstand der Kinder. Eltern, die hier noch in der Überlegung sind, können sich direkt mit Erich Rossel und Kornelia Blasberg in Verbindung setzen.

Jenseits der Zeit der LSVD - Familienseminare möchte ich Regenbogenfamilien empfehlen, sich einer Gruppe von lesbischen und schwulen Familien anzuschließen, um für Kinder und Erwachsene einen nicht nur punktuellen externen Austausch zu ermöglichen. Hier möchte ich noch mal auf ein Angebot des LSVD hinweisen, die regional tätigen ILSE-Gruppen.

Ab Frühjahr 2005 wird darüber hinaus ein Chatroom Kids in Regenbogenfamilien eingerichtet, in dem die Kinder und Jugendliche wöchentlich virtuell „mit einander ins Gerede kommen“ können.

Was finden Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft als Familienbilder vor?

Können sie in Bilderbüchern ihre Regenbogenfamilie entdecken?

Vermitteln Erzieherinnen und Erzieher viele Familienbilder gleichberechtigt und wertfrei nebeneinander? Auch von Regenbogenfamilien?

Werden Kinder ernst genommen, wenn sie von ihren beiden Müttern oder ihren beiden Vätern sprechen? Und wie reagieren Verwandte, Freunde und alle anderen, wenn das Kind keinen Vater benennen kann, da seine beiden Mütter sich für eine heterologe Insemination mit unbekanntem Spender entschieden haben?

Was vermitteln die Schulen zum Thema „Homosexualität“? Ist es ein übergreifendes Thema auch in Fächern wie Musik, Deutsch oder Ethik?

Es geht zum einen um Wertebildung und zum anderen um die Bestätigung und somit die Bejahung der eigenen Lebenswirklichkeit.

Ich sehe hier besonders Kindergärten und Schulen gefordert, sich des Themas „Homosexualität“ generell und „Regenbogenfamilien“ im Besonderen stärker anzunehmen. Durch eine frühe und gleichberechtigte Vermittlung der gesellschaftlichen Vielfalt, können Kinder diese erkennen und eine Akzeptanz gegenüber dem Anderssein entwickeln. Kinder haben keine Vorurteile und kein Schubladendenken, dies wird ihnen erst vermittelt.

Eine unterstützende und auf Akzeptanz gründende Vermittlung von Werten im Elternhaus ist wünschenswert, jedoch nicht so verbreitet, wie wir uns das sicher wünschen würden. Es deutet sich hier durchaus ein sich selbst erhaltender Kreislauf an. Eltern vermitteln ihren Kindern die Werte, die sie selbst gelernt oder durch Erfahrung erworben haben. Die Pluralität der Lebensformen gleichberechtigt zu vermitteln, ist nicht möglich, wenn sie nicht im eigenen Wissens- oder Erfahrungsschatz präsent ist. Was den Eltern nicht zu Eigen ist, können sie an ihre Kinder nicht weitergeben. .. und diese nicht an ihre Kinder … und so on.

Hier liegt für mich die Verantwortung einer „gesamtgesellschaftlichen“ Erziehung und Wertevermittlung begründet. Nur in der Bereitschaft der an der Sozialisation unserer Kinder beteiligten Institutionen und Personen, sich der „Wertefrage“ zu stellen und sich als Werte-Vermittler zu begreifen und zu fordern, liegt eine Chance, den sich selbst erhaltenden Kreislauf der Enge zu durchbrechen und eine tolerante und akzeptierende Generation nachwachsen zu lassen. Was im Übrigen nicht nur positiv für die Akzeptanz von Regenbogenfamilien ist, sondern generell das Miteinander in der Gesellschaft verbessern kann. Denn wir messen die Güte einer Demokratie bekanntlich nicht an ihrem Umgang mit den Mehrheiten, sondern den Minderheiten!

Eine zentrale Sozialisationsinstanz ist in unserem Kulturkreis die Schule. Wenn wir hier eine konstruktive Veränderung wünschen, sind wir auch gefordert, uns als Regenbogenfamilien einzumischen und mitzugestalten. „Regenbogenfamilien machen Schule“ – das Thema der AG 2 mit Holger Henzler-Hübner zum Schulalltag und seinen Anforderungen.

Ich habe eben u. a. gefragt, ob Kinder ihre Regenbogenfamilie in Bilderbüchern entdecken können? Hierzu ein spezieller Hinweis:

Der Samstagabend, unserer Familienabend, bietet Verschiedenes und lässt Raum für Austausch oder Spontanes. Vorbereitet sind die beiden angesprochenen Filme von Valentin Thurn und, das ist uns eine besondere Freude, es gibt Lesungen aus zwei bislang leider noch unveröffentlichten Kinderbüchern von Sonja Springer – eine als Gute-Nacht-Geschichte für Kinder nach dem Abendessen und später dann eine Lesung für Erwachsene. Hier können sich Kinder und Eltern wieder finden in einer liebevoll gezeichneten und aus Erfahrung beschriebenen Regenbogen-Familienwelt.

Im Prozess der Erarbeitung des Lebenspartnerschaftsgesetzes wurde die Existenz von Regenbogenfamilien anerkannt und ein kleines Sorgerecht eingeführt.

Diese Möglichkeit, Dinge des täglichen Lebens gemeinsam zu regeln, den Erziehungsurlaub zu teilen oder auf den Co-Elternteil zu übertragen, eine Verbleibensanordnung für die Kinder im Todesfall des leiblichen Elternteils auszustellen oder des Umgangsrechts auch nach einer Trennung für soziale Eltern schaffen Erleichterungen im Erziehungsalltag und eine anteilige Verbesserung der Lebenssituation unserer Kinder. Tatsächlich diskriminiert die geltende Rechtslage jedoch weiterhin unzählige homosexuelle Paare mit Kindern und vor allem die Kinder selbst. Insbesondere im Steuerrecht besteht eine eklatante Ungleichbehandlung. So sind die steuerliche Zusammenveranlagung und die Übertragung von kinderbezogenen Freibeträgen im LPartG nicht vorgesehen.

Die materiellen, die existenziellen Probleme werden nicht angegangen. Da diese nicht geregelt sind, werden Kinder in Regenbogenfamilien zu Kindern zweiter Klasse, Regenbogenfamilien zu Familien zweiter Klasse. Dies kann nicht zum Wohl von Kindern sein. Alle Kinder müssen die gleichen Rechte haben.

Und wenn Regenbogenfamilien die Stiefelternadoption, das gemeinsame Adoptionsrecht, die steuerliche Anerkennung von Erziehungsleistungen fordern, dann fordern wir eigentlich gleiche Rechte für unsere Kinder. Gleiche Rechte für schwule und lesbische Eltern bedeuten gleiche Rechte für unsere Kinder.

Ein erster Schritt zu einer Gleichberechtigung ist in den vergangenen Wochen mit der Überarbeitung des LPartG gelungen. Sicherlich ist es den meisten Anwesenden bekannt, dass es nach Inkrafttreten der Novelle am 01.01.2005 für lesbische Co-Mütter und schwule Co-Väter möglich sein wird, die leiblichen Kinder ihrer Partner/innen durch die Stiefelternadoption zu adoptieren. Diese Möglichkeit ist auf leibliche Kinder beschränkt.
Bedauerlicherweise konnte sich die Regierungskoalition nicht auf das volle Adoptionsrecht verständigen. Eine Forderung, die unter anderem ja voll und ganz auch durch die FDP unterstützt wird.

Stiefelternadoption - dies bedeutet die Möglichkeit der Absicherung z.B. derjenigen Kinder, die im Rahmen einer lesbischen Partnerschaft durch eine heterologe Insemination gezeugt wurden. Hier müssen keine bestehenden elterlichen Verbindungen mit leiblichen Vätern beendet werden. Lesbischen Frauen bietet sich hier eine gerechte Möglichkeit, ihre Kinder abzusichern.

Möglich ist dies auch bei „Trennungskindern“ aus heterosexuellen Verbindungen, wenn der andere leibliche Elternteil der Stiefelternadoption zustimmt und die neue rechtliche Konstellation zum Wohle des Kindes ist.

Eine gemeinsame Adoption von homosexuellen Paaren wird damit nicht erreicht.

Rechtliches im Spiegel von Gesetz und Urteil zu „Kindschaftsrecht und Lebenspartnerschaft“ wird uns am Sonntagvormittag Frau Dr. Mareike Dittberner darlegen.

Mit einem Plenum zu Brennpunkten und Perspektiven für Regenbogenfamilien werden wir unser Familienseminar abschließen.

Ich bin sicher, aus diesem Wochenende mit seinen Vorträgen und Arbeitsgruppen und in den sicher zahlreichen Gesprächen viele Anregungen für unsere weitere Lobbyarbeit zum Thema „Regenbogenfamilien“ mitnehmen zu können.

So unter anderem zu einem Gespräch, welches der LSVD-Bundesvorstand im März 2005 mit unsrem amtierenden Bundespräsidenten Horst Köhler haben wird. Hieran werde ich teilnehmen und die wichtigen Fragen für Regenbogenfamilien vorstellen und vertreten.

Ich wünsche uns allen spannende und motivierende Tage hier in Bad Kissingen und einen intensiven Austausch und bedanke mich herzlich für die Aufmerksamkeit
 


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