Antje Ferchau
Das LSVD-Familienseminar in Bad Kissingen
– Einstimmung und Einführung –
Nach Berlin, Oberursel bei Frankfurt/Main und Ebberg bei Schwerte stellt das
heutige Treffen am 2. Adventswochenende im Heiligenhof in Bad Kissingen das
vierte Familienseminar des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD)
dar.
Ein herzliches Willkommen auch im Namen des Bundesvorstandes des LSVD an alle
Großen und Kleinen aus nah und fern, die unserer Einladung an diesen Ort gefolgt
sind.
Auch in diesem Jahr erfreute sich das Seminar einer enorm großen Nachfrage. Sie
war so rege, dass wir im Verlauf der Planung durch verschiedene Anpassungen
verstärkt versucht haben, möglichst vielen Interessentinnen und Interessenten
die Teilnahme zu ermöglichen. Dies ist uns gut gelungen und so kann ich heute
ca. 100 lesbische Mütter und schwule Väter, Lesben und Schwule in der
Familienplanung und Fachvertreter/innen aus dem familiären Umfeld begrüßen.
Besonders schön ist es, dass wir verstärkt werden durch 40 Kinder und
Jugendliche, die heute gemeinsam mit ihren lesbischen (Co-)Müttern und schwulen
(Co-)Vätern angereist sind.
Dennoch mussten wir leider vielen Interessent(inn)en absagen. Dies zeigt uns
deutlich, dass unsere Arbeit und unsere Angebote richtig sind und gebraucht
werden. Ich denke, hier wollen und werden wir auch weiterhin aktiv bleiben. Sei
es im Projekt „Regenbogenfamilien“, in den Gruppen der Initiative
lesbisch-schwuler Eltern – kurz ILSE genannt – oder durch die Lobbyarbeit der
einzelnen Landesverbände oder die des LSVD Bundesverbandes.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich die finanzielle Unterstützung des
Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend. Ohne diese
Unterstützung wäre ein solches Familienseminar in dieser Größenordnung für den
LSVD nicht durchführbar, insbesondere nicht zu diesen Rahmenbedingungen.
Bad Kissingen 2004 – wieder ein dicht gefülltes Programm, und wir hoffen, dass
für Jede und Jeden etwas dabei ist. Neben den einzelnen Programmpunkten haben
wir versucht, Raum zu lassen für den persönlichen Austausch über die ganz
individuellen Erfahrungen und die eigene Handhabung der alltäglichen
Herausforderungen in und mit einer Regenbogenfamilie.
„Regenbogenfamilien“ – ein Begriff, der das Zusammenleben von lesbischen und
schwulen Eltern mit ihren Kindern bezeichnet.
„Regenbogenfamilien“ – ein Begriff, der mittlerweile in der Gesellschaft
angekommen ist, der bekannt ist?
Eine Frage, zu der es mit Sicherheit keine Erhebungen gibt, abgesehen davon,
dass in statistischen Erhebungen „Regenbogenfamilien“ als eigenständige
Familienform in der Regel gar nicht auftauchen.
Ich denke jedoch, dass wir diese Frage mit nein beantworten können.
Nach wie vor ist es für Viele ein Widerspruch von Lesben/Schwulen und Kindern in
einem Atemzug zu sprechen. Dies zeigte sich mir in den vergangenen Wochen auch
in den Diskussionen zur Stiefkindadoption im Rahmen der Überarbeitung des
Lebenspartnerschaftsgesetzes sehr deutlich.
Um Regenbogenfamilien stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, bedarf es
vieler Bausteine.
Ein sehr wichtiger Baustein sind die Medien und die Art und Weise, in der
Familien dargestellt werden. Und hier geht es mir nicht um eine „bunte und
schrille“ Berichterstattung, die gängige Klischees über schwules und lesbisches
Leben bedient, sondern um Bilder des alltäglichen familiären Miteinanders in
Regenbogenfamilien.
Unsere Familien müssen als selbstverständliche Facette in der Vielfalt von
Familienformen präsent sein, die unsere Gesellschaft heute aufweist. Es ist gut,
dass beim Thema Partnerschaft heute schwule und lesbische Paare mitgedacht
werden, doch hiermit erschöpft sich die schwul-lesbische Note z.B. im neuen Heft
GEO WISSEN zum Thema „Partnerschaft und Familie“ auch. Homosexuelle Paare und
deren Eingetragene Partnerschaft werden hier beleuchtet, doch ein homosexuelles
Paar mit einem oder mehreren Kindern werden wir vergebens suchen.
Bislang treffen wir im unterhaltungsorientierten Fernsehalltag in deutschen
Wohnzimmern kaum auf lesbische Mütter oder schwule Väter und ihre Kinder. Umso
erfreulicher ist es jedoch festzustellen, dass es bei Dokumentationen ebenso wie
in Printmedien in den vergangenen Jahren zunehmend Berichte zu
Regenbogenfamilien gegeben hat und dass die Presseanfragen nach
Interviewpartnerinnen und -partnern stetig steigen.
Regenbogenfamilien und Medien – damit werden wir morgen früh ins Programm
einsteigen und dürfen dazu Valentin Thurn mit seinen Produktionen „Papa liebt
einen Mann – Kinder und ihre homosexuellen Väter“ sowie „Zwei Mamas und kein
Papa – wenn lesbische Kinderwünsche wahr werden“ begrüßen. Seien Vortrag wird
Valentin Thurn mit Filmausschnitten eröffnen. Für alle, die diese Filme gern in
voller Länge sehen möchten, besteht am morgigen Familienabend hierzu die
Möglichkeit.
Zunehmend setzen sich Menschen auch unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung
bewusst mit einer möglichen Familienplanung auseinander. Ein intensiver
Kinderwunsch und Lesbisch- oder Schwulsein schließen sich nicht aus. Hier findet
ein Wandel statt auch in der schwul-lesbischen Community: Die Entscheidung, die
eigene Homosexualität zu leben, bedeutet nicht mehr zwangsläufig ein „Leben ohne
Kinder“, auch wenn die Wege zum Kind langwieriger und schwerer sind.
Lesbische Frauen entscheiden sich bewusst für ein eigenes leibliches Kind und
realisieren dies durch heterologe Insemination mit einem bekannten oder anonymen
Spender. Lesben und Schwule realisieren gemeinsam ihren Kinderwunsch in
sogenannten „Queer-Families“ oder adoptieren – leider bislang nur als
Einzelpersonen – Kinder oder geben Pflegekinder ein neues Zuhause.
Mit den verschiedenen Wegen der Familienplanung für Lesben und Schwule
beschäftigt sich am morgigen Nachmittag die AG „Eltern werden ist nicht
schwer…“. Hierfür stehen gleich vier kompetente Referentinnen zur Verfügung:
Karoline Bohrer und Birgit Modigell sowie Bruni Adam und Nicola Buchen-Adam.
In Deutschland wachsen derzeit Hunderttausende Kinder bei ihren lesbischen
(Co)Müttern und schwulen (Co)Vätern auf. Mehrheitlich stammen diese Kinder aus
vorhergegangenen heterosexuellen Beziehungen. Diese Kinder erleben das Coming
Out eines ihrer Elternteile mit. Dieses Coming Out geht in der Regel mit einer
Trennung oder Scheidung einher. So müssen sich die Kinder mit einer Vielzahl von
meist einschneidenden Veränderungen ihrer Lebensbezüge auseinandersetzen. Das
Coming Out der Mutter oder des Vaters steht hier in einer Reihe mit dem Verlust
der vertrauten Familienstruktur, Umzug und Schulwechsel.
Mehrheitlich sieht es nach Trennungen auch heute noch so aus, dass die
lesbischen Mütter weiterhin hauptverantwortlich für ihre Kinder sorgen, während
die Kinder von schwulen Männern eher weiterhin bei ihren Müttern leben.
Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.
Wenn die lesbische Mutter oder der schwule Vater sich nach einer Trennung wieder
in eine Partnerschaft begibt, wird die neue Familie mit zwei Frauen oder zwei
Männern auf jeden Fall andere Züge aufweisen und in der Gesellschaft anders
wahrgenommen werden.
Es entstehen in Folge - wie auch bei heterosexuellen Eltern - häufig sogenannte
Patchworkfamilien mit einem leiblichen und einem sozialen Elternteil, mit
Geschwistern und „Stiefgeschwistern“, die in unserem Fall gleichzeitig auch
Regenbogenfamilien sind. Das Zusammenfinden und Zusammenleben dieser Familie
muss erst einmal dieselben Hürden überwinden, wie sie uns auch in
heterosexuellen Familien mit Stiefeltern begegnen.
Kommen die Kinder mit dem sozialen oder Stiefelternteil zu recht und umgekehrt?
Wie viel Erziehungseinfluss soll und will der soziale Elternteil übernehmen und
der leibliche Elternteil teilen? Wie gestalten sich die Kontakte zum außerhalb
der neuen Familienkonstellation lebenden zweiten biologischen Elternteil?
Auf Regenbogenfamilien kommen darüber hinaus jedoch weitere Fragen zu, die mit
der Homosexualität der Eltern verbunden sind. Fragen, denen sich die lesbischen
Mütter oder schwulen Väter selbst und gemeinsam mit ihren Kindern stellen
müssen.
Wie sage ich es meinen Kindern, meinen Eltern oder meinen Freund(inn)en. Müssen
wir unsere Kinder über die Art unserer Beziehung aufklären? Oder ist meine
Partnerin eben nur eine gute Freundin, die bei uns wohnt?
Und in einem Weiteren: Was sage ich am Arbeitsplatz, in der Gemeinde oder zur
weiter entfernten „geliebten Verwandtschaft“.
Auch wenn die Kinder in homosexuellen Partnerschaften geboren bzw. aufgenommen
wurden, bleibt das alltägliche Coming Out ebenfalls ein Thema.
Es stellt sich die Frage, wo der homosexuelle Familienhintergrund veröffentlicht
wird. Wie offen sind wir im Kindergarten, in der Schule und im Sportverein?
Müssen wir dem Kindergarten oder der Schule sagen, welche Position der Freund
meines Vaters wirklich in unserer Familie einnimmt?
In erster Linie lieben Kinder ihre Eltern, bauen Vertrauen zu ihnen auf, suchen
Geborgenheit, Sicherheit und Unterstützung. Ihnen ist es egal, in welcher
sexuellen Verbindung ihre Eltern zueinander stehen. Auch in heterosexuellen
Familien werden die Eltern nicht in einer sexuellen Verbindung wahrgenommen.
Unsere Kinder erleben die Realität in Regenbogenfamilien und lernen früh, dass
das Anderssein ein wichtiger Teil einer geliebten Person ist. Sie können
erkennen, dass die sexuelle Präferenz der Eltern nicht entscheidend für das
Familienklima ist. Hier zählen der einfühlsame und liebevolle Umgang
miteinander, die gegenseitige Achtung und Akzeptanz sowie die Fähigkeit,
gemeinsam mit Konflikten umgehen zu können.
Die Beantwortung der Frage nach dem „Wo“, „Wie“, „Wie viel“ und „Wann“ der
Veröffentlichung unserer sexuellen Orientierung hat einen großen Einfluss auf
unsere Kinder, ihre Entwicklung und ihr Bestehen in der Gesellschaft. Dabei ist
es ganz egal, ob es sich um eigene Kinder, Adoptions- oder Pflegekinder handelt.
Diese Entscheidungen müssen einerseits grundlegend getroffen werden, stellen
sich aber auch immer wieder im alltäglichen Leben, z.B. bei Aldi an der Kasse
oder auf dem Spielplatz.
Aus unserer eigenen familiären Erfahrung heraus vertrete ich die Auffassung,
dass nur die völlige Offenheit im Umgang mit der familiären Wirklichkeit unseren
Kindern das notwendige Vertrauen und die Stärke verleihen kann, die sie im Leben
brauchen. Nur wenn ihnen „Homosexualität“ - ebenso wie „Heterosexualität“ - als
eine gute, selbstverständliche Möglichkeit glaubhaft verdeutlicht wird, können
sie gewappnet sein gegen Angriffe und Verletzungen. Nur so können sie lernen,
sich und ihre Familie als selbstverständlichen Teil dieser Wirklichkeit zu
erleben und darzustellen, können sie Rückhalt in der Familie finden und über
ihre Erlebnisse angstfrei sprechen. Für mich haben Kinder ein Recht auf diese
Wahrheit.
Mit jedem Verbergen, jedem Verheimlichen erzeugen wir eher das Bild, dass
Homosexualität doch nicht so selbstverständlich, eben nicht ganz „in Ordnung“
ist. So bringen wir Kinder in einen Zwiespalt ihrer Gefühle und beteiligen uns –
ob bewusst oder unbewusst – an der Aufrechterhaltung und Verbreitung von
Vorurteilen.
Die Homosexualität der Eltern kann durch die Reaktionen des Umfelds Probleme für
Kinder in Regenbogenfamilien aufwerfen. Darüber hinaus stellt neben einer
möglichen gesellschaftlichen Diskriminierung auch die rechtliche
Ungleichbehandlung eine Quelle alltäglicher Belastungen für unsere Kinder dar.
Zwei Hauptfragen treten hier in den Vordergrund: „Wie out wollen wir sein?“
–
das Thema der AG 1 mit Stephanie Gerlach – und welche Herausforderungen, Themen
und Erfahrungen begegnen wir in unserem Familienalltag? Was macht ihn alltäglich
anders? Die AG 4 bietet dazu ein Austauschforum mit Karoline Jacobs-Howe.
Das Alter unserer Kinder hat nicht nur einen Einfluss auf ihren Umgang mit dem
Coming Out ihrer lesbischen Mutter oder ihres schwulen Vaters. Je nach Alter
stehen unterschiedliche Bedürfnisse im Vordergrund.
Im Jugendalter, in dem Kinder – so legen es die Forschungsergebnisse nahe –
selbst vielfältige Veränderungen bei sich erleben, seien es biologische und
emotionale, haben sie mit dem Coming Out ihrer Eltern am meisten Stress. In
diesem Alter gewinnt darüber hinaus auch die Gruppe der Gleichaltrigen, Freunde
und Schulkamerad(inn)en an Bedeutung.
Unabhängig davon, wie lange Kinder um die Homosexualität ihrer Mutter oder ihres
Vaters wissen, ist ein Kontakt und Austausch mit anderen Kindern aus
Regenbogenfamilien von besonderer Bedeutung. Es ist entlastend und bereichernd,
wenn Kinder und Jugendliche erleben können, dass es viele Kinder gibt, die
lesbische Mütter oder schwule Väter haben. Hier sind neben den Lesben- und
Schwulengruppen oder -vereinen auch die Beratungsstellen für Familien, Kinder
und Jugendliche gefordert.
Der LSVD bietet hier eine bundesweite Beratungsstruktur für Lesben, Schwule,
deren Kinder und interessiertes Fachpersonal an. Hier können sich Eltern, Kinder
sowie Großeltern aus Regenbogenfamilien und Lesben und Schwule, die gerne Eltern
werden wollen, online, telefonisch oder bei einem persönlichen Beratungstermin
in Belangen des Familienalltags und der Familienplanung informieren und beraten
lassen.
Auf unserem diesjährigen Familienseminar können wir zum dritten Mal eine
Plattform für Jugendliche anbieten. „Ene, mene, miste, es rappelt in der Kiste
…“ lautet das Motto dieses spielerischen Austauschforums unter der fachlichen
Anleitung von Dr. Erich Rossel und der Diplom-Sozialpädagogin Kornelia Blasberg.
Es ist ein Angebot, das ganztägig parallel zu den Seminarveranstaltungen laufen
wird und sich an Jugendliche ab zehn Jahren richtet und natürlich auch abhängig
ist vom Entwicklungsstand der Kinder. Eltern, die hier noch in der Überlegung
sind, können sich direkt mit Erich Rossel und Kornelia Blasberg in Verbindung
setzen.
Jenseits der Zeit der LSVD - Familienseminare möchte ich Regenbogenfamilien
empfehlen, sich einer Gruppe von lesbischen und schwulen Familien anzuschließen,
um für Kinder und Erwachsene einen nicht nur punktuellen externen Austausch zu
ermöglichen. Hier möchte ich noch mal auf ein Angebot des LSVD hinweisen, die
regional tätigen ILSE-Gruppen.
Ab Frühjahr 2005 wird darüber hinaus ein Chatroom Kids in Regenbogenfamilien
eingerichtet, in dem die Kinder und Jugendliche wöchentlich virtuell „mit
einander ins Gerede kommen“ können.
Was finden Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft als Familienbilder
vor?
Können sie in Bilderbüchern ihre Regenbogenfamilie entdecken?
Vermitteln Erzieherinnen und Erzieher viele Familienbilder gleichberechtigt und
wertfrei nebeneinander? Auch von Regenbogenfamilien?
Werden Kinder ernst genommen, wenn sie von ihren beiden Müttern oder ihren
beiden Vätern sprechen? Und wie reagieren Verwandte, Freunde und alle anderen,
wenn das Kind keinen Vater benennen kann, da seine beiden Mütter sich für eine
heterologe Insemination mit unbekanntem Spender entschieden haben?
Was vermitteln die Schulen zum Thema „Homosexualität“? Ist es ein übergreifendes
Thema auch in Fächern wie Musik, Deutsch oder Ethik?
Es geht zum einen um Wertebildung und zum anderen um die Bestätigung und somit
die Bejahung der eigenen Lebenswirklichkeit.
Ich sehe hier besonders Kindergärten und Schulen gefordert, sich des Themas
„Homosexualität“ generell und „Regenbogenfamilien“ im Besonderen stärker
anzunehmen. Durch eine frühe und gleichberechtigte Vermittlung der
gesellschaftlichen Vielfalt, können Kinder diese erkennen und eine Akzeptanz
gegenüber dem Anderssein entwickeln. Kinder haben keine Vorurteile und kein
Schubladendenken, dies wird ihnen erst vermittelt.
Eine unterstützende und auf Akzeptanz gründende Vermittlung von Werten im
Elternhaus ist wünschenswert, jedoch nicht so verbreitet, wie wir uns das sicher
wünschen würden. Es deutet sich hier durchaus ein sich selbst erhaltender
Kreislauf an. Eltern vermitteln ihren Kindern die Werte, die sie selbst gelernt
oder durch Erfahrung erworben haben. Die Pluralität der Lebensformen
gleichberechtigt zu vermitteln, ist nicht möglich, wenn sie nicht im eigenen
Wissens- oder Erfahrungsschatz präsent ist. Was den Eltern nicht zu Eigen ist,
können sie an ihre Kinder nicht weitergeben. .. und diese nicht an ihre Kinder …
und so on.
Hier liegt für mich die Verantwortung einer „gesamtgesellschaftlichen“ Erziehung
und Wertevermittlung begründet. Nur in der Bereitschaft der an der Sozialisation
unserer Kinder beteiligten Institutionen und Personen, sich der „Wertefrage“ zu
stellen und sich als Werte-Vermittler zu begreifen und zu fordern, liegt eine
Chance, den sich selbst erhaltenden Kreislauf der Enge zu durchbrechen und eine
tolerante und akzeptierende Generation nachwachsen zu lassen. Was im Übrigen
nicht nur positiv für die Akzeptanz von Regenbogenfamilien ist, sondern generell
das Miteinander in der Gesellschaft verbessern kann. Denn wir messen die Güte
einer Demokratie bekanntlich nicht an ihrem Umgang mit den Mehrheiten, sondern
den Minderheiten!
Eine zentrale Sozialisationsinstanz ist in unserem Kulturkreis die Schule. Wenn
wir hier eine konstruktive Veränderung wünschen, sind wir auch gefordert, uns
als Regenbogenfamilien einzumischen und mitzugestalten. „Regenbogenfamilien
machen Schule“ – das Thema der AG 2 mit Holger Henzler-Hübner zum Schulalltag
und seinen Anforderungen.
Ich habe eben u. a. gefragt, ob Kinder ihre Regenbogenfamilie in Bilderbüchern
entdecken können? Hierzu ein spezieller Hinweis:
Der Samstagabend, unserer Familienabend, bietet Verschiedenes und lässt Raum für
Austausch oder Spontanes. Vorbereitet sind die beiden angesprochenen Filme von
Valentin Thurn und, das ist uns eine besondere Freude, es gibt Lesungen aus zwei
bislang leider noch unveröffentlichten Kinderbüchern von Sonja Springer – eine
als Gute-Nacht-Geschichte für Kinder nach dem Abendessen und später dann eine
Lesung für Erwachsene. Hier können sich Kinder und Eltern wieder finden in einer
liebevoll gezeichneten und aus Erfahrung beschriebenen Regenbogen-Familienwelt.
Im Prozess der Erarbeitung des Lebenspartnerschaftsgesetzes wurde die Existenz
von Regenbogenfamilien anerkannt und ein kleines Sorgerecht eingeführt.
Diese Möglichkeit, Dinge des täglichen Lebens gemeinsam zu regeln, den
Erziehungsurlaub zu teilen oder auf den Co-Elternteil zu übertragen, eine
Verbleibensanordnung für die Kinder im Todesfall des leiblichen Elternteils
auszustellen oder des Umgangsrechts auch nach einer Trennung für soziale Eltern
schaffen Erleichterungen im Erziehungsalltag und eine anteilige Verbesserung der
Lebenssituation unserer Kinder. Tatsächlich diskriminiert die geltende
Rechtslage jedoch weiterhin unzählige homosexuelle Paare mit Kindern und vor
allem die Kinder selbst. Insbesondere im Steuerrecht besteht eine eklatante
Ungleichbehandlung. So sind die steuerliche Zusammenveranlagung und die
Übertragung von kinderbezogenen Freibeträgen im LPartG nicht vorgesehen.
Die materiellen, die existenziellen Probleme werden nicht angegangen. Da diese
nicht geregelt sind, werden Kinder in Regenbogenfamilien zu Kindern zweiter
Klasse, Regenbogenfamilien zu Familien zweiter Klasse. Dies kann nicht zum Wohl
von Kindern sein. Alle Kinder müssen die gleichen Rechte haben.
Und wenn Regenbogenfamilien die Stiefelternadoption, das gemeinsame
Adoptionsrecht, die steuerliche Anerkennung von Erziehungsleistungen fordern,
dann fordern wir eigentlich gleiche Rechte für unsere Kinder. Gleiche Rechte für
schwule und lesbische Eltern bedeuten gleiche Rechte für unsere Kinder.
Ein erster Schritt zu einer Gleichberechtigung ist in den vergangenen Wochen mit
der Überarbeitung des LPartG gelungen. Sicherlich ist es den meisten Anwesenden
bekannt, dass es nach Inkrafttreten der Novelle am 01.01.2005 für lesbische
Co-Mütter und schwule Co-Väter möglich sein wird, die leiblichen Kinder ihrer
Partner/innen durch die Stiefelternadoption zu adoptieren. Diese Möglichkeit ist
auf leibliche Kinder beschränkt.
Bedauerlicherweise konnte sich die Regierungskoalition nicht auf das volle
Adoptionsrecht verständigen. Eine Forderung, die unter anderem ja voll und ganz
auch durch die FDP unterstützt wird.
Stiefelternadoption - dies bedeutet die Möglichkeit der Absicherung z.B.
derjenigen Kinder, die im Rahmen einer lesbischen Partnerschaft durch eine
heterologe Insemination gezeugt wurden. Hier müssen keine bestehenden
elterlichen Verbindungen mit leiblichen Vätern beendet werden. Lesbischen Frauen
bietet sich hier eine gerechte Möglichkeit, ihre Kinder abzusichern.
Möglich ist dies auch bei „Trennungskindern“ aus heterosexuellen Verbindungen,
wenn der andere leibliche Elternteil der Stiefelternadoption zustimmt und die
neue rechtliche Konstellation zum Wohle des Kindes ist.
Eine gemeinsame Adoption von homosexuellen Paaren wird damit nicht erreicht.
Rechtliches im Spiegel von Gesetz und Urteil zu „Kindschaftsrecht und
Lebenspartnerschaft“ wird uns am Sonntagvormittag Frau Dr. Mareike Dittberner
darlegen.
Mit einem Plenum zu Brennpunkten und Perspektiven für Regenbogenfamilien werden
wir unser Familienseminar abschließen.
Ich bin sicher, aus diesem Wochenende mit seinen Vorträgen und Arbeitsgruppen
und in den sicher zahlreichen Gesprächen viele Anregungen für unsere weitere
Lobbyarbeit zum Thema „Regenbogenfamilien“ mitnehmen zu können.
So unter anderem zu einem Gespräch, welches der LSVD-Bundesvorstand im März 2005
mit unsrem amtierenden Bundespräsidenten Horst Köhler haben wird. Hieran werde
ich teilnehmen und die wichtigen Fragen für Regenbogenfamilien vorstellen und
vertreten.
Ich wünsche uns allen spannende und motivierende Tage hier in Bad Kissingen und
einen intensiven Austausch und bedanke mich herzlich für die Aufmerksamkeit
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