Valentin Thurn
„Regenbogenfamilien in den Medien“
- Produktion und Echo zweier Filme über Regenbogenfamilien
An das Thema bin ich eigentlich wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Es ist
ziemlich lang her, genau gesagt am Anfang meiner Laufbahn, als ich zum letzten
Mal über Lesben und Schwule berichtete. Da war ich noch ein kleiner Hospitant
beim NDR und machte ein kurzes Radiostück für eine Jugendsendung. Aber
vielleicht ist es gut so, dass ich kein Experte bin, schließlich sollte man die
Zuschauer da abholen, wo sie sind. Selbst betroffen war ich in gewisser Weise
aber schon, weil ich mich auch privat mit einem Kinderwunsch beschäftigte.
Auslöser aber war ein Emma-Artikel meiner damaligen Frau Ursula Ott. Ein
leitender SWR-Redakteur, für den ich schon gearbeitet hatte, fragte daraufhin
an, ob wir nicht gemeinsam einen Film über lesbische Mütter für die ARD drehen
wollen. Es war die Zeit der Diskussion über das Gesetz zur Homo-Ehe, und wir
spürten, das gesellschaftliche Klima war reif. Es war sogar ein Problem, einen
Kritiker zu finden, der sich öffentlich kontra Homo-Familien exponieren wollte.
Kein einziger Bischof wollte ein Interview geben, nur ein relativ unbekanntes
Mitglied aus dem päpstlichen Laienrat, Manfred Lütz, sowie ein Politiker am
äußersten rechten Ende der Union, in der CSU, der Abgeordnete Norbert Geis,
fanden sich bereit, ihr Kontra zu geben. Rot-Grün hatte offenbar Mehrheiten und
Stimmungen in der Öffentlichkeit verändert, wenn auch das Thema Kinder von
vielen durchaus kritisch gesehen wurde.
Ein echtes Tabu gab es nur dann, wenn wir von zwei schwulen Männern als Eltern
sprachen, da sprach sogar die für lesbische Themen offene ehemalige
CDU-Ministerin Hanna-Renate Laurien dagegen: "Frauen haben schon immer Kinder
auch alleine großgezogen, man denke an die Trümmerfrauen, aber zwei Männer,
entschuldigen Sie, da fehlt mir doch die Mutterbrust." Als ich dies hörte, war
mir das Thema meines zweiten Filmes klar - das letzte Tabu sind schwule Väter.
Ich ging auch hier wie an alle Themen offen heran, bin durchaus bereit, im
Verlauf der Recherche meine Meinung zu ändern. So war es übrigens auch bei den
lesbischen Müttern, die mich letztlich von ihrer Ernsthaftigkeit und Fähigkeit,
ein Kind zu erziehen, überzeugten. Das gelang auch den schwulen Vätern,
allerdings musste ich erst noch die Redaktion beim ZDF überzeugen, die den Film
in der Reihe 37° senden sollte, ausgerechnet die Redaktion "Kirche katholisch".
Die hatten Angst, nur ein Randgruppen-Thema zu bedienen, und irgendwo schwebte
natürlich auch noch das alte Vorurteil von der latenten Pädophilie schwuler
Männer herum. Lange Gespräche und schließlich der Entschluss, dass wir den Film
aus der Kinderperspektive erzählen, überzeugten die Redaktion am Ende.
Bei beiden Filmen waren es Mainstream-Sendeplätze in den öffentlich-rechtlichen
Sendern. Das heißt: Trotz Millionen-Publikum durchaus seriös. Ich habe deshalb
bewusst Protagonist(inn)en ausgewählt, die eher bieder oder normal sind, und
nicht schrille Exemplare mit Seltenheitswert, wie sie vielleicht im
Privat-Fernsehen gezeigt worden wären, das ja mehr auf den Unterhaltungswert aus
ist. Gleichzeitig musste das Lesben-Paar aber auch eines sein, das sich ein Kind
aus der Samenbank „holte“, schließlich war das das Neue. Erschwerend bei der
Auswahl war aber, wie viele Lesben und Schwule nicht in jeder Hinsicht offen
leben, oder selbst wenn sie es tun, Rücksichten nehmen müssen. Bei den in Frage
kommenden lesbischen Paaren arbeiteten zum Beispiel erstaunlich viele für die
Kirche. Und bei den schwulen Vätern waren die Mütter der Kinder in aller Regel
gegen einen Fernsehauftritt.
Generell gilt natürlich auch das Kriterium, dass das Paar in der Lage sein muss,
sich zu artikulieren und sympathisch über den Bildschirm rüber zu kommen. Das
heißt allerdings nicht, dass ich als Filmemacher nur die schöne heile Welt
zeichnen will. Das wäre unglaubwürdig. Film heißt für mich zwar schon die
Reduktion der Wirklichkeit, aber nicht Idealisierung. Wenn also eine Person auch
ihre zickigen Seiten hat, dann sollte man diese ruhig zeigen, ohne jemanden
vorzuführen, einfach als Teil einer Person aus Fleisch und Blut, die dadurch für
den Zuschauer authentisch wird.
Ein Beispiel: Das Kind unserer schwulen Väter heißt Christian, 13 Jahre. Seine
Klassenlehrerin traute sich vor lauter politischer Korrektheit nicht, ihre
Ängste offen auszusprechen, kam dann aber durch die Hintertür damit heraus
(nachdem wir die Kamera fast schon ausgeschaltet hatten). Sie sagte, sie sei
froh, dass sie für den Jungen eine wichtige weibliche Bezugsperson sein könne,
die ihm ja offenbar fehle. Die Väter entgegneten erbost, ob sie denn glaube,
dass der Junge gar nicht mit Frauen in Kontakt käme, und schließlich erzählten
sie ihr von der Patentante etc. Die Lehrerin war erstaunt und einigermaßen
zufrieden mit der Antwort. Wegen der Filmaufnahmen aber hatte sie Angst, dass
ein negatives Bild auf sie falle, wenn wir diese Szene senden - ich konnte sie
beruhigen, denn schließlich artikuliert sie doch nur eine Frage, die die meisten
Zuschauer auch haben: Wird das Kind aufgrund fehlender Vorbilder aus dem anderen
Geschlecht in seiner Rollenidentität gestört? Und dass dabei herauskommt, dass
sich das Elternpaar durchaus auch schon viele Gedanken zu dem Thema gemacht hat,
ist doch hervorragend.
Generell habe ich mit allen Paaren vereinbart, weil sie uns einen intimen Blick
in ihr Privatleben gaben, dass sie jederzeit "Stopp" sagen konnten - auch
nachträglich, wenn etwas gedreht wurde, das nicht gesendet werden sollte. Denn
nur so ist das Vertrauen zu schaffen, das nötig ist, um wirkliches Familienleben
zu filmen. Dabei haben wir nur wenig inszeniert, am liebsten nur beobachtet, und
wenn, dann nur behutsam nachgeholfen, indem wir etwa Christian gebeten habe,
"komm kitzle mal den Thomas, um ihn aus der Reserve zu locken".
Christian war übrigens nicht von Anfang an begeistert über den Film, aber es
dauerte nicht lang, bis wir warm waren, sicher auch ein Verdienst des
Kameramannes, und der Tatsache, dass wir das Ganze spielerisch angingen, ihm
eine kleine Videokamera ausliehen, damit er eventuell selbst etwas beitragen
kann. Und nicht zuletzt war es das Verdienst zweier wundervoller Väter, die
genau spürten und wussten, was sie ihm zutrauen können und was nicht. Bei einem
Dreh gingen wir mit Christian in den kleinen Supermarkt des Dorfes, dazu mussten
wir Christian regelrecht überreden, er war nervös und unsicher, was die anderen
Dorfbewohner wohl sagen werden, wenn wir sie nach schwulen Eltern befragen. Und
tatsächlich: Die Leute sind zwar katholisch-konservativ, aber redeten ohne
Ausnahme positiv über die schwulen Väter. Christian war danach so was von
erleichtert, regelrecht euphorisch, dass ich den Eindruck hatte, manchmal kann
die Kamera therapeutisch wirken.
Freilich gab es Themen, die wir ausgespart haben, um Christian zu schützen. Über
seine Mutter etwa wollte er überhaupt nicht reden. Die beiden Männer hatten kein
Problem, dass wir sie mit Nachnamen und Wohnort nennen, sie leben so offen, wie
man es sich nur wünscht. Das Frauenpaar hingegen wollte, dass wir zur Sicherheit
nur ihre Vornamen nennen, damit es keine Probleme mit dem Jugendamt gibt - zum
damaligen Zeitpunkt war die Gesetzeslage noch etwas unklar. Zwar war die Fahrt
nach Holland zur Samenbank nicht verboten, aber man hätte ein Rechtsgutachten
gebraucht, um herauszufinden, ob die Einfuhr von Spermien im Kühlbehälter legal
ist, und ob Irmgard bei der Insemination von Barbara Hand anlegen durfte oder
nicht.
Wir schilderten auch einen Fall, bei dem eine Mutter nach der Trennung eines
Frauen-Paares jeden Kontakt des Kindes zur Co-Mutter unterband, obwohl diese in
den ersten vier Lebensjahren die Haupt-Bezugsperson war, weil die Mutter
ganztags arbeitete. Die Mutter wollte uns dazu kein Interview geben, auch nicht
anonym. Also hatten wir im Film nur den Standpunkt der Co-Mutter und die Akten
aus dem Gerichtsverfahren, das sie verloren hatte. Unvorsichtigerweise zeigten
wir ein Foto des Kindes, zwar kein aktuelles und auch nur sehr klein, aber das
war dennoch genug, um die Mutter auf die „Palme zu bringen“. Bei einer
Wiederholung des Filmes schnitten wir deshalb das Foto heraus, aus Rücksicht auf
ihre Gefühle.
Wir konnten das Thema - glaube ich - von allen Seiten beleuchten, wenn auch
nicht alles klappte, was wir wollten. Zum Beispiel wollte die Mutter nicht, dass
wir bei der Geburt filmen. Dabei hatte ich alles vorbereitet und ein reines
Frauenteam zusammengestellt. Dass sich Kamerafrau und Assistentin zerstritten,
konnte ich allerdings nicht vorhersehen, und das dies die Stimmung verdorben
hat, um das Team auch bei der Geburt dabei zu haben.
Interessant ist noch die Reaktion des Publikums. In beiden Fällen gab es mehrere
Millionen Zuschauer, beim Väter-Film zudem ein detailliertes Internet-Dossier
auf der ZDF-Homepage und eine lebhafte Diskussion im Internet-Forum des ZDF.
Mehrere hundert Zuschriften, die Hälfte davon klar ablehnend ("der weibliche Pol
fehlt" oder "die Kinder werden selbst homo", bis hin zu Beschimpfungen), die
andere Hälfte aber verständnisvoll und zustimmend. Das Thema ist also immer noch
umstritten. Schade, dass das Kindeswohl bei der Diskussion von beiden Seiten
meist nur instrumentalisiert wurde. Aber so ist das wohl, wenn man erst einmal
für die Gleichberechtigung kämpfen muss, da gehen die wirklich wichtigen Fragen
wie die Stigmatisierung der Kinder in der Schule oder die Familienbildung bei
Co-Müttern und Co-Vätern unter. Inzwischen ist die öffentliche Diskussion
hoffentlich etwas weiter.
Was kommt als nächstes? Gerade arbeite ich an einem Film über Leihmütter. Da
Leihmutterschaften in Deutschland illegal sind, und die allermeisten
Auftraggeber Hetero-Paare sind, habe ich meinen ursprünglichen Plan, schwule
Väter dafür zu suchen, wieder aufgegeben und konzentriere mich auf die Heteros.
Das nächste Thema wird sich dann aber wieder mit Kindern aus Regenbogenfamilien
beschäftigen, die, wenn sie erwachsen sind, sich vielleicht auf die Suche nach
ihrem Erzeuger machen (oder auch nicht, wenn es ihnen egal ist). Klar, die Frage
nach dem Ursprung beschäftigt aber natürlich auch Kinder aus der Samenbank, die
bei Hetero-Paaren aufwachsen, oder adoptierte Kinder - diese sollen auch befragt
werden. Bei den Kindern aus Regenbogenfamilien dürfte es fast noch ein wenig
früh sein. Das Kinderthema wird in der deutschen Lesbenszene erst seit rund einem
Jahrzehnt diskutiert bzw. angegangen (wenn sie nicht schon ein Kind aus einer
früheren Ehe mitbrachten), d.h. also die ältesten Kinder aus künstlichen
Inseminationen dürften jetzt erst rund 12 Jahre alt sein. Wer andere Fälle
kennt: Ich freue mich über jede Nachricht, sie werden natürlich vertraulich
behandelt.
Valentin Thurn
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